Briefmarke Benin(1)

DDR Briefmarken, 2021, Found Footage

Die Arbeit von Sonya Schönberger „Briefmarken DDR“ zeigt ausgewählte DDR-Briefmarkenmotive, die auf feinen Tüchern vergrößert gedruckt sind. Die künstlerische Arbeit entstand aus der Auseinandersetzung der Künstlerin mit alten Briefmarken aus einer unbekannten Sammlung, die sie auf einem Flohmarkt entdeckte. In dieser Arbeit lassen sich über die historischen Postwertzeichen eines nicht mehr existierenden Staates Linien zu gegenwärtigen Fragestellungen ziehen, welche jede:r für sich assoziativ stellen kann. Eine Briefmarkensammlung scheint mittlerweile ein Relikt aus der Vergangenheit zu sein, ist aber zugleich auch Ausdruck des humanhistorisch bewiesenen Sammelfaibles des Menschen. Sie stellt sich in eine Reihe mit Museen, Bibliotheken, wissenschaftlichen Archiven und abertausenden von privaten Sammlungen von unterschiedlichsten Artefakten und Naturobjekten, die aus dieser Leidenschaft entstanden sind. Das Sammeln beschreibt Denise Wilde als „eine kulturelle Praxis, mit der Kommunikation von Wissen einhergeht“ (Denise Wilde: Dinge sammeln. Annäherungen an eine Kulturtechnik, Berlin 2015, S. 17.). Diese kulturelle Praxis ist ein wichtiger Teil der künstlerischen Methode von Sonya Schönberger, die neben ihrem Kunststudium außerdem Ethnologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin studierte. Ihre künstlerischen Arbeiten lassen sich nicht auf ein Medium reduzieren; mit allen ihr zugänglichen Mitteln reflektiert sie eine Menge von Narrativen über die bewegte Geschichte der letzten 100 Jahre, die sich aus persönlichen Erzählungen und Zeugnissen rekonstruieren lässt. „Jede:r kann dazu beitragen“ – sagt sie. Freilich ist sie auch eine Sammlerin. Sie sammelt u. a. Sammlungen selbst sowie Momente, Brüche in den Biografien und Erzählungen darüber. Die Arbeit „Briefmarken DDR“ zeigt auf Stoffbildern eine Auswahl von Briefmarkensujets der DDR. Der Blick der Künstlerin fiel auf Motive, die Schmuckstücke und Artefakte aus Völkerkunde- und historischen Museen der DDR aufgreifen. Die Objekte werden durch das Design – einfarbiger Hintergrund in passender Kontrastfarbe, serifenlose Beschriftung – hervorgehoben und ästhetisiert. Sie tragen lakonische Beschriftungen, die aus heutiger Sicht viele Fragen aufwerfen: „Bronzekopf aus Afrika“, „Tanzmaske Südsee“, „Frauenkopf, Ton 1. Hälfte des 2.Jt. v.u.Z.“… Die Objekte werden damit des genauen Ortes, der Zeit und der Herkunft bereinigt und beraubt. Damit sind die Briefmarkenmotive samt den alten Stempeln auf denen eine doppelte, dreifache Vergangenheit, die Sonya Schönberger in ihrer Arbeit aktualisiert. Durch die Materialität der Tücher, die ebenso an museale Artefakte eines Museums der angewandten Kunst denken lässt, durch die Vergrößerung der Motive und der alten Poststempel, öffnet sie den Blick auf die sozialistische Geschichtsschreibung und den Umgang mit solchen Objekten. Denn in sozialistischen Ländern des 20. Jahrhunderts galt offiziell die Weltgeschichte vor der Oktoberrevolution als eine überwundene Vergangenheit voller Unterdrückung des Proletariats sowie Ausbeutung im Zuge der Kolonisierung, überwiegend durch die Länder Westeuropas. Das war ein wichtiges Narrativ, das erlaubte, relativ „unschuldig“ mit den Artefakten aus afrikanischen Ländern oder mit archäologischen Objekten umzugehen. Heute, im Kontext der entfachten Diskussionen beispielsweise um das Berliner Schloss und das dort aufgebaute Humboldt Forum im Hinblick auf Provenienzforschung, ohne die keine große Sammlung mehr denkbar ist, haben bestimmte Narrative und Ansätze Konjunktur, während die anderen als ungültig und falsch erklärt werden. Diese Arbeit von Sonya Schönberger macht, in ihrem Wortlaut, die „Unterdrückung der Geschichtsebenen“ deutlich und wirft Fragen auf über die Mechanismen der Bestimmung der Narrative, über Modi der Geschichtserzählung und natürlich über die Dinge als Zeugen der Vergangenheit.

Olga Vostretsova, Leipzig, 2021